14. Juni 2012

[Rezension] Kage Baker - Die Frauen von Nell Gwynne's


Kage Baker
Die Frauen von Nell Gwynne's
Originaltitel: The Woman of Nell Gwynne's
Verlag: Feder und Schwert
Seiten: 160 Seiten
Ausgabe: Taschenbuch
Erschienen am: 01.05.2010
ISBN: 978-3-86762-074-1
Preis: € 9,95




Lady Beatrice ist eine Tochter aus guten Hause. Ihr Vater ist britischer Soldat, der mit seiner Familie im fernen Indien lebt. Als er schließlich nach Kabul beordert wird, ahnt Lady Beatrice noch nicht, dass dort ein schrecklicher Krieg tobt. Als ihr Vater, zusammen mit vielen anderen Soldaten ermordet wird, wird auch Lady Beatrice verschleppt, vergewaltigt und somit entehrt. Sie kann sich jedoch aus der Gefangenschaft ihrer Peiniger befreien und verkauft ihren Körper an einen Soldaten, um bei ihm Unterschlupf zu finden. In einem harten Überlebenskampf schafft sie es schließlich nach London zurück. Dort gilt sie auf Grund dieser Vorfälle als nicht mehr gesellschaftsfähig und kommt schließlich in das Etablissement von Mrs. Corvey, die sie in ihr Haus „Nell Gwynnes`s“, dem besten und exklusivsten Bordell in Whithall, aufnimmt. Doch dahinter verbirgt sich mehr als ein herkömmliches Bordell. Vielmehr arbeiten Mrs. Corvey und ihre Mädchen als eine Schwesternorganisation für die Spekulative Gesellschaft der Gentlemen. Neben all den Erfindungen, die sie ihr eigen nennen kann, sorgen sie auch für das Wohlbefinden der Mädchen. Als ein Gentlemen der Gesellschaft vermisst wird, kommt es schließlich zum Sondereinsatz der Schwesterschaft, in dem es nicht nur gilt den Vermissten zu finden, sondern auch London, bzw. das ganze Land zu retten…




Kage Bakers Roman „Die Frauen von Nell Gwynne’s“ spielt im London des 19. Jahrhunderts und ist vielmehr eine Kurzgeschichte, die gerade mal 160 Seiten umfasst. Es ist daher ein recht dünnes Buch mit relativ großer Schrift. Die Coverillustration wurde von Feder und Schwert richtig schön gehalten, da Photographie mit comicartiger Zeichnung verschmilzt. Lediglich beim Titel und beim Autorenname wurde zu viel geschnörkelt. Das Buch wurde übrigens 2010 mit dem Nebula Award als beste Novelle ausgezeichnet.




Die vorliegende Geschichte ist schnell erzählt. Zu Beginn erfährt der Leser etwas über das Haus, in dem eine blinde Dame mit ihren Töchtern und Nichten wohnt. Was kaum einer ahnt, hinter der Fassade steckt das exklusivste Etablissement für Gentlemen in London. Und nicht nur das. Während die „leichten“ Mädchen im Geheimen für die Spekulative Gesellschaft spionieren, kann die „blinde“ Chefin, Mrs. Corvey, dank deren Technik (künstliche Auge mit Teleskop-Funktion) wieder sehen. Sie erhält dann auch schon bald den Auftrag, mit ihren vier Mädchen Lord Basmond auszuspionieren, der eine geheimnisvolle Erfindung gemacht und diese ins Ausland verkaufen möchte. Kaum auf dem Anwesen angekommen, müssen sie nicht nur einen vermissten Geheimagenten suchen, sondern haben es auch mit zwei Leichen und einem geistig gestörten Adligen zu tun.




Die Story dieser kleinen Erzählung liest sich sehr schnell, so dass man es in einem Rutsch durchlesen kann. Kage Bakers Erzähl- und Sprachstil ist der damaligen Zeit angepasst und lassen den Leser ein wenig in Nostalgie schwelgen. Nur leider darf man für 160 Seiten nicht zu viel erwarten, da es hier kaum Platz für mehr Hintergrund und Tiefgang gibt. Schade, denn das Buch hätte gut und gerne noch 200 Seiten mehr vertragen. Zumal man das Gefühl hat, dass die Autorin 10 Seiten vor Schluss zum Ende kommen musste und sich eine schnelle Lösung ausgedacht hat, die den Leser jedoch unbefriedigt zurücklassen kann. Alles wird schnell und spannungsarm abgehandelt, dass es einerseits gar keinen Spaß mehr macht die Geschichte zu verfolgen und andererseits das Ende so verzwickt, oder auch unglücklich (auf)gelöst ist, dass ich es nach nun dreimaligem Lesen nicht verstanden habe. Es wird auch nicht geklärt, wo die Geheimwaffe hinverschwunden ist, oder wer letztendlich der Mörder war. Das ist leider ein großer Mangel, dem dieser Roman erliegt.

Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist der vom Verlag versprochene Steampunk in dem Roman. Vielmehr lässt er sich in den Genres Fantasy und Krimi zuordnen, da es keine Anzeichen von Dampfmaschinen oder dem viktorianischen Zeitalter gibt. Einzig und alleine die schrägen Erfindungen der Spekulativen Gesellschaft lassen einen Hauch Steampunk erahnen.




Wegen der Kürze des Romans blieb der Autorin kaum Zeit ihre Charaktere zu entwickeln. Lady Beatrice ist die Hauptperson der Geschichte, und sie ist es auch, deren Charakter eigentlich dem Leser auch am nächsten steht. Aufgrund ihrer erlebten Schicksalsschläge kann man mit ihr noch am besten mitfühlen. Kurz gefolgt von Mrs. Corvey, die auch ein paar Seiten in der Geschichte geschenkt bekommen hat und mit ihrer mütterlichen und zugleich resoluten Art irgendwie sympathisch wirkt. Die restliche Besetzung der „leichten“ Mädchen, sowie die Gesellschafter bei Lord Basmonds Empfang, bleiben eher dunkel und man kann sie sich nur schlecht vorstellen.




Fazit:
„Die Frauen von Nell Gwynne’s“ ist der erste Roman, der Anfang 2010 verstorbenen Autorin Kage Baker, der im deutschen erschienen ist. Die Grundidee ist sehr gut: Die Heldin ist eine Hure, die in einem Bordell arbeitet, das als Hauptquartier einer Geheimorganisation dient. Die Umsetzung ist aber leider nicht so gelungen. Ein paar Seiten mehr hätten dem Buch gut getan, um die Charaktere zu entfalten und den Schluss nicht irgendwie übereilt wirken zu lassen. Ein zwiespältiger Roman, den man nicht gelesen haben muss, aber trotz des kaum vorhandenen Steampunks an Liebhaber dieses Genres zu empfehlen ist.

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