28. Mai 2012

[Rezension] John Katzenbach - Der Professor

John Katzenbach
Der Professor
Originaltitel: What comes next
Verlag: Knaur
Seiten: 560 Seiten
Ausgabe: Taschenbuch
Erschienen am: 01.12.2011
ISBN: 978-3-426-50070-5
Preis: € 9,99
Leseprobe


Nach einer neurologischen Untersuchung steht für den pensionierten Psychiologieprofessor Adrian Thomas fest, dass er sterben wird. Diagnose: Demenz, in einem sehr schnell fortschreitenden Stadium. Somit sind seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden und vor seinem inneren Auge sieht er scherzhaft immer wieder seinen psychischen und körperlichen Zerfall.

Als er nach Hause kommt, bleibt er noch einen Moment in seinem Auto sitzen und spielt mit dem Gedanken sein Leben mittels einer Pistole zu beenden. Sein Blick geht über die Straße, wo er in der beginnenden Dämmerung ein etwa 16-jähriges Mädchen sieht. Sie trägt heruntergekommene Kleidung, und an ihrem Rucksack hängt ein Teddybär.
 
Dann rollt plötzlich ein Lieferwagen heran, der sein Tempo drosselt, stehen bleibt und kurz darauf mit aufheulendem Motor und durchdrehenden Reifen davon rast. Das Mädchen jedoch scheint spurlos verschwunden zu sein. Oder hat ihm etwa seine Krankheit einen Streich gespielt und er hat sich alles nur eingebildet? Auf der Straße findet er schließlich die rosarote Baseballkappe des Mädchens. Mit dem Namen Jennifer Riggins darin.
 
Doch warum wurde sie entführt? Geht es hier um Entführung und Erpressung? Wer aber sollte ein Mädchen entführen, das scheinbar von daheim ausgerissen ist? Was haben die Entführer also mit ihr vor?
 
Währenddessen startet im Internet eine neue Nummer des Snuff-Webstream-Drama „What comes next“. In der Hauptrolle: Die ahnungslose Jennifer…


„Der Professor“ von John Katzenbach ist ein handwerklich sehr gut durchdachter Psychothriller. Mit ihm taucht der Leser in eine Welt ein, deren psychische Grundlage das World Wide Web ist. Hier beschreibt und vermittelt der Autor erschreckende Einblicke in die düstere Welt des Internets. Sehr schnell wird klar, dass es sich um Internetverbrechen mit pornographischem Hintergrund handelt. So sitzen zum Beispiel die anonymen Kunden der Internetseite „whatcomesnext.com“ auf der ganzen Welt verstreut und entscheiden über das Schicksal ihres Opfers. Wo die einen von ihnen glauben das Opfer zu lieben, warten andere nur auf weitere Demütigungen, die das Opfer über sich ergehen lassen muss. Es sind jedoch gerade diese willigen Zuschauer, die sich hinter der zahlungskräftigen Anonymität ihrer Kreditkarten verstecken, die dieses Spiel erst möglich machen.

Sehr eindringlich beschreibt der Autor auch dabei die Ängste und Gefühle des Opfers, in diesem Fall des Mädchens Jennifer. Die psycho-Spielchen bringen in ihr Verzweiflung und Ohnmacht hervor, da es immer wieder perverse Kundschaft gibt, die mit ihren Vergnügungen Jennifer an den Rand ihrer physischen und geistigen Belastbarkeit bringen. Kein Wunder, dass sie anfängt mit einem Kuscheltier, Mr. Braunbär, zu reden, den sie als einzigen Freund betrachtet.

Die Handlung der Geschichte ist gradlinig und überrascht einen nicht wirklich, da man während des Lesens vertraute Szenarien durchlebt, die man bereits von anderen Filmen, Büchern oder realitätsnahen Medienereignissen kennt. Dennoch hat das Buch einen enormen Spannungsbogen, der über den Fortlauf der Geschichte ohne jegliche Action aus kommt, und mal sehr interessant ist zu lesen.
Die Figuren in dem Roman sind so intensiv und spannend ausgearbeitet, dass gerade sie es sind, welche den Thriller zu einem absoluten Page-Turner machen. So bewegt sich Adrian Thomas zwischen Realität und einer imaginären Welt, in der er von seinen verstorbenen Verwandten umgeben ist. Sie sind es, die ihm Denkanstöße geben um Jennifer zu finden. Vor allem ihr Charakter berührt den Leser, denn sie ist das unschuldige minderjährige Opfer perfider Machenschaften und man würde ihr nur zu gerne in ihren schweren Stunden beistehen, oder sie aus dieser Situation befreien. Ganz klar: Ihre Situation lässt die Wut im Bauch groß werden.

Fazit:
Trotz des sehr gut durchdachten, spannenden und unvorhersehbaren Handlung bin ich doch etwas zwiegespalten. Der Thriller schreckt in dem vorhanden Thema nicht vor explizierter Brutalität zurück und ich habe mich in den detailreich beschriebenen Vorkommnissen im Keller geekelt. Die Demütigung durch ein perverses Paar und die sexuelle zur Schau Stellung eines Kindes hätten nicht in dieser Form sein müssen.
Ansonsten ist das Buch sehr spannend geschrieben und wartet mit einer glaubwürdigen Handlung und Charakteren auf. 
Ich denke, jeder der sich mit diesem Buch auseinandersetzen will, sollte erst mal für sich erwägen, ob ihm das Thema nicht zu sehr an die Nerven geht. Alles in allem ist es aber ein tolles Buch, welches sich lohnt mal genauer anzuschauen.
 

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