20. April 2012

[Rezension] Stephen King - Der Anschlag

Stephen King
Der Anschlag
Originaltitel: 11/22/63
Verlag: Heyne
Seiten: 1.056
Ausgabe: Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-453-26754-1
Preis: € 26,99
Leseprobe

 

Der 35-jährige Englischlehrer Jake Epping macht eine erstaunliche Entdeckung: Sein totkranker Freund Al zeigt ihm im Vorratsraum seines Restaurants ein Zeitportal. Durch eine unsichtbare Treppe kann er in die Vergangenheit reisen und landet jedes Mal am 09. September 1958 um 11:58 in Lisbon Falls, Maine. Egal wie lange der Aufenthalt in der Vergangenheit dauert, man kommt immer exakt 2 Minuten in die Gegenwart zurück. Jedoch werden alle Ereignisse beim nächsten Besuch in der Vergangenheit wieder gelöscht.
Der im sterben liegende Al hat durch die Zeitreise versucht, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Da es ihm nun aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist, bittet er Jake um diesen Gefallen. Nach anfänglichem Zögern willigt er schließlich ein und will versuchen den mutmaßlichen Attentäter Lee Harvey Oswald kurz vor dem Anschlag in Dallas im November 1963 zu stoppen. Doch welche Auswirkungen hat es die Zeit zu verändern? Um die 5 Jahre in der Vergangenheit zu bewältigen benötigt es einiges an Vorbereitungen. Aus diesem Grund entschließt sich Jake dazu, eine Art „Probelauf“ in der Vergangenheit zu unternehmen. Doch schon bald merkt er, dass die Sache komplizierter ist als gedacht, denn gegen einen solchen Eingriff wehrt sich die Vergangenheit unerbittlich und außerdem wirken sie die Eingriffe in der Vergangenheit nicht immer positiv auf die Gegenwart aus… 


Mit „Der Anschlag“ hat Stephen King kein gruseliges Buch geschrieben, sondern vielmehr kombiniert er Historien- und Liebesroman mit einem spannenden Thriller. Und hierbei geht es um das Attentat auf John F. Kennedy sowie Kings Überlegungen: Was wäre wenn wir den Anschlag verhindern hätten können? Wie sähe die Welt heute aus? Ganz ehrlich: In der Geschichte steckt ein klein wenig auch eine Märchenidee. 

Jake soll in der Handlung das Kennedy-Attentat vereiteln, was eine riesige Veränderung wäre. Da der Großteil des Buchs in den Jahren zwischen 1958-1963 spielt, versucht der Autor das Amerika der 60er Jahre dem Leser nahe zu bringen. So wird beschrieben, dass Fabriken ihre Schadstoffe unbedenklich in die Atmosphäre blasen und Menschen in Kneipen und Bussen rauchen. Die Atmosphäre der damaligen Zeit wird vom Autor authentisch erzählt und liefert großes Kopfkino. Jedoch nur für Leute die einen Bezug zum amerikanischen Patriotismus und die 50-er und 60-er Jahre miterlebt haben. Für die anderen dürfte sich zwei Viertel des Romans langatmig anfühlen, da sie das Ereignis nicht (be-) greifen können. Somit sind die ersten 450 der 1000 Seiten die stärksten des Buchs. Man erlebt mit wie der Hauptprotagonist Jake in einer verhängnisvollen Nacht das Zeitportal ins Jahr 1958 entdeckt und fortan das Kennedy-Attentat vereiteln will. Als Test versucht Jake ein Familienmaßacker im Jahr 1958 zu verhindern, wo er hier auch zum ersten Mal die Widerborstigkeit der Vergangenheit erlebt. Nach einem anschließenden kurzen Zwischenstopp in der Gegenwart geht es anschließend wieder zurück ins Jahr 1958 um das Attentat zu verhindern. Ab hier beginnt nun das Buch sich in die Länge zu ziehen, da von der Ankunft im Jahr 1958 bis zum Attentat 1963 fünf Jahre in der Vergangenheit vergehen müssen. Obwohl es auch hier Höhepunkte gibt, wie z.B. als der Attentäter Oswald seine junge Frau Marina misshandelt, oder dass Jake sich in Sadie verliebt, deren Ex-Mann sie zu einem psychischen Krüppel gemacht hat, konnte der Teil nicht wirklich fesseln.  

Interessant war hingegen die von Stephen King dargestellte „Was-wäre-wenn-Theorie“, die sich durch das ganze Buch zieht. Je näher die Momente rücken, in denen Jake etwas verändern will – mögen sie auch noch so klein und unbedeutend erscheinen, umso mehr wehrt sich die Vergangenheit gegen die Korrektur. Doch wie weit kann ein Raum-Zeit-Kontinuum beschädigt werden? Und welches Chaos könnte daraus resultieren? 

Der Schreibstil von Stephen King ist unterhaltsam, stellenweise auch sehr detailverliebt. So verliert er oft (zumindest im 2/3 des Buchs) den eigentlichen Grund der Zeitreise aus den Augen, was durchaus langatmig erscheinen mag. Dennoch merkt man sehr schnell, dass der Autor sehr viel recherchiert hat, was das Attentat auf J.F.K. und den vermeintlichen Attentäter betrifft. Er beschäftigt sich auch durchaus mit den Thesen, ob Oswald alleine war, einen Komplizen hatte oder gar nur der Sündenbock war. Immerhin wird Oswald in dem Roman als unsympathischer Zeitgenosse beschrieben, der seine Frau verprügelt und tyrannisiert, aber sich immer nur um seine eigene, kleine Welt schert. War so ein Mensch tatsächlich in der Lage ein solches Attentat mit dieser Tragweite zu verantworten?  

Im Original heißt das vorliegende Buch „11/22/63“, also das Datum der Ermordung Kennedys. Dies hat in den USA bereits für große Diskussionen gesorgt, da es mit dem World Trade-Anschlag „11/09/01“ in Verbindung gebracht wurde. 


Mein Fazit:
„Der Anschlag“ ist eine unglaublich spannende „Was-wäre-wenn“-Geschichte, die allerdings auch etwas langatmig sein kann und deswegen gute 400 Seiten hätte kürzer sein können. Stephen King lässt die damalige Zeit wieder aufleben und betont jene Zeit, in der es in Amerika mit J.F.K. noch so viel besser war. Das Buch vermittelt somit ein Stück Zeitgeschichte, und bietet gute Unterhaltung ohne großen Gruselfaktor.

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