25. März 2010

[Interview] Interview mit Gesa Schwartz

 Auf der Leipziger Buchmesse 2010 hatte ich das Glück mit Gesa Schwartz, der Autorin von “Grim – Das Siegel des Feuers”, ein Interview zu führen.


Yvonne: Gesa, vielen Dank, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Vor ein paar Tagen ist dein Debütroman “Grim – das Siegel des Feuers” erschienen. Wolltest du schon immer Autorin werden?

Gesa Schwartz: Ich habe schon sehr früh damit begonnen, Geschichten zu erzählen, und das Schreiben war immer eine wesentliche Konstante in meinem Leben. Auch, wenn ich nichts mehr wusste und fühlte, war eines immer klar: Ich wollte schreiben und anderen Menschen die Geschichten erzählen, die an mein inneres Stirnzimmer klopften. Insofern war es immer schon mein Ziel, Schriftstellerin zu werden, ganz nach Michael Ende, der in Jim Knopf schreibt: Ein richtiger Lokomotivführer will Lokomotivführer werden und sonst gar nichts.

Yvonne: Hast du damit gerechnet, dass dein Skript tatsächlich als Buch bei einem Verlag veröffentlicht wird? Wie kam es dazu?

Gesa Schwartz: Da ich schon sehr lange schreibe, habe ich bereits vor einer ganzen Weile gelernt, dass einiges zusammenkommen muss, damit eine Geschichte veröffentlicht wird. Ohne die letzte Prise Glück kann ein Text noch so viele der anderen, ebenso wichtigen Aspekte erfüllen, die nötig sind für eine Veröffentlichung – er wird es dennoch nicht in die Buchhandlungen schaffen. Nach einigen Rückschlägen habe ich natürlich darauf gehofft, mit GRIM einen Verlag zu finden, aber damit gerechnet habe ich auf keinen Fall; dafür gibt es einfach zu viele Stolpersteine auf dem Weg, die man als Autor gar nicht überblicken kann. Nach einem Agenturwechsel kam es dann zur Auktion um GRIM, bei der Lyx schließlich den Zuschlag erhalten hat.

Yvonne: Wann und wie ist dir die Idee zu „Grim“ gekommen?

Gesa Schwartz: Der Auslöser der Geschichte war ein Bild, das eines Nachts in mir auftauchte. Ich sah eine dunkle, steinerne Gestalt mit gewaltigen Schwingen hoch über den Dächern von Paris. Als ich mich der Gestalt näherte, konnte ich ihr ins Gesicht schauen. Es war das Gesicht eines Gargoyles, eines Engels, eines Dämons – vielleicht von allem ein bisschen. Er sah mich mit seiner Narbe über dem rechten Auge an und nannte mir mit vorsichtigem Lächeln seinen Namen. So lernte ich Grim kennen, und von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich seine Geschichte erzählen wollte. Er war und ist immer das Zentrum der Geschichte gewesen, und alles Weitere – die anderen Figuren, der Hintergrund, die Welt, in der er lebt – entwickelte sich um ihn herum.

Yvonne: Dein Buch „Grim – Das Siegel des Feuers“ spielt sowohl in Paris als auch in einer Parallelwelt. In wiefern hat dich die Stadt Paris für deinen Roman inspiriert?

Gesa Schwartz: Paris ist eine phantastische Stadt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Stadt hat einen bestimmten Duft, denkt Mia in der Geschichte. Aber den Duft der Sehnsucht findet man nur in Paris. Das sehe ich ganz genauso. Paris hat einen Rhythmus, der mit dem Atem der Geschichte übereinstimmt, und ist als Geburtstadt der gotischen Wasserspeier natürlich darüber hinaus ein ideales Setting. Für mich ist es unmöglich, in Paris zu sein, ohne Inspiration zu finden – oder vielmehr: mich von ihr finden zu lassen.

Yvonne: Was hat dich dazu veranlasst über Gargoyles zu schreiben?

Gesa Schwartz: Der Auslöser dafür lag wie gesagt in dem Bild von Grim, das am Anfang der Geschichte aufgetaucht ist. Darüber hinaus fand ich Gargoyles an sich schon immer faszinierend. Wie ich in anderen Interviews bereits sagte, findet man sie an unzähligen Kirchen und anderen Gebäuden, sie sind Teil unserer Kultur und unseres Lebens und doch fallen sie den wenigsten Menschen noch auf. Sie sind wie steinerne Schatten, deren Vergangenheit wir vergessen haben, die blass geworden sind, weil der Regen ihnen die kräftigen Farben, die mittelalterliche Exemplare noch trugen, abgewaschen hat und uns ihre einstige Bedeutung nicht mehr bewusst ist. Mitunter ist es sogar schwer, sie in der Fülle der Ornamente an gotischen Kathedralen überhaupt zu erkennen – und doch sind sie da und scheinen aus steinernen Augen die Menschen zu beobachten, die keinen Blick für sie übrig haben. Somit sind Gargoyles in ihrer Schattenhaftigkeit ein Sinnbild für die Existenz des Geheimnisvollen in unserem Alltag, das mich schon immer fasziniert hat.

Hinzu kommt noch eine gewisse Düsternis, ein Hauch des Unheimlichen und Bösen oder zumindest Ambivalenten, der in der Geschichte der Gargoyles begründet liegt. Die Funktion der Speier hatte besonders im Mittelalter ja hauptsächlich abwehrenden Charakter, was auch durch das Ausspeien des Wassers verdeutlicht wird: Nicht nur das Speien an sich, auch das fließende Wasser besaß nach mittelalterlichem Glauben die Kraft, das Böse zu vertreiben – zumal dann, wenn es sich um Regen, also „Himmelswasser“ handelte. Zahlreiche Wasserspeier wurden als Apotropaika, Dämonenabwehrer, dargestellt, wie beispielsweise die meist menschlichen Bartweiser-Speier oder Tiere, die bereits im Physiologus als Kämpfer gegen das Böse beschrieben werden. Darüber hinaus zeichnen sich die meisten Wasserspeier durch eine Dämonisierung aus (so wurden Tieren artfremde Attribute hinzugefügt, ihre Gesten wurden der Natur entfremdet und deuten so auf ein Dämonenwesen hin, oder einst majestätische Geschöpfe wurden ihrer Erhabenheit beraubt und so dem dämonischen Reich zugeordnet, wie beispielsweise der Schlappohrengreif am Kölner Dom), um nach dem Grundsatz similia similibus curantur – Gleiches wird geheilt durch Gleiches – Dämonen durch ihr Spiegelbild zu vertreiben. Aus diesem Grund handelt es sich übrigens bei mittelalterlichen Speiern ausschließlich um Unikate: Durch die zahlreichen Variationen wurde gewährleistet, möglichst viele Dämonen in die Flucht zu schlagen.

Und noch heute personifizieren die Gargoyles für viele Menschen das Böse. An der Washington National Cathedral prangt zum Beispiel ein ganz besonderer Wasserspeier, nämlich der Kopf von Darth Vader. Im Rahmen eines Wasserspeier-Design-Wettbewerbs wurde er mit der Begründung vorgeschlagen, dass Darth Vader in der heutigen Zeit als Verkörperung des Bösen die ideale Besetzung für einen Wasserspeier wäre.

In GRIM verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Es gibt keine Eindeutigkeit und ich habe einige Beschränkungen aufgebrochen, die durch Einordnungen in der Forschung bestehen. Die Gesellschaft der Gargoyles reicht in meiner Geschichte weit über die Wasserspeier hinaus. Zwar gibt es beispielsweise die Sputatores, den vornehmsten Wasserspeierclan von ganz Paris, oder den Clan der Mephisti, deren Mitglieder den dämonischen Gargoyles an Kirchengebäuden am ehesten entsprechen, wobei ich den Grund für die oftmals abschreckend verzerrten Gesichter neu gedeutet und auf andere Füße gestellt habe. Aber der Begriff der Gargoyles beschränkt sich in GRIM nicht auf Wasserspeier, sondern umfasst steinerne Figuren im Allgemeinen. Denn nicht nur Wasserspeier sind umgeben von einer Aura des Geheimnisvollen und Unnahbaren. Wer jemals den Apollo von Belvedere gesehen, den barberinischen Satyr im Schlaf berührt oder die Hand auf die steinernen Finger des Sterbenden Galliers gelegt hat, der spürt, dass unter der Haut dieser Statuen mehr liegen könnte als Stein. Dieses MEHR ist es ja, das die Phantasie begründet und die phantastische von der mimetischen Literatur unterscheidet. Und wenn man das einmal gefühlt hat, kann man nicht mehr über einen Friedhof gehen, ohne sich aus steinernen Augen beobachtet zu fühlen, oder unter der Nike von Samothrake stehen, ohne ein leichtes Flügelrauschen zu hören.

Yvonne: Wie bist du auf den Namen „Grim“ gekommen?

Gesa Schwartz: Grim hat mir seinen Namen genannt. Die meisten Figuren nähern sich mir von sich aus auf ihre ganz individuelle Weise, manche muss ich befragen, andere schweigen lange, bis sie beschließen, sich mir vorzustellen, und wieder andere fallen beinahe über meinen Schreibtisch, so begierig sind sie darauf, ein Teil der Geschichte zu werden. Der Name ist jedoch immer ein Schlüssel zum Charakter einer Figur, auch wenn ich seine Bedeutung erst nach und nach herausfinde, und so ist es auch bei Grim. Mittelhochdeutsch grim bedeutet beispielsweise Zorn, Rauheit, Heftigkeit, mhd. grimme hingegen Schmerz oder verzweifelt, und wer das Buch gelesen hat, weiß, dass mein Protagonist mit diesen Begriffen eng verbunden ist – gerade auch, da sich hinter seiner äußeren Fassade so viel verbirgt, das er vor allem und jedem geheim halten will, sogar vor sich selbst.

Yvonne: Grim unterscheidet sich ja sehr stark von den anderen Schattenflüglern. Warum ist gerade er anders als die anderen und sehnt sich nach einer Welt voller Gefühle und Empfindungen?

Gesa Schwartz: Um diese Frage befriedigend beantworten zu können, müsste ich glaube ich zu viel von der Geschichte verraten. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: In Grim liegen Geheimnisse, von denen er teilweise selbst noch nichts ahnt.

Yvonne: Wie lange hast du an dem Buch geschrieben, das ca. 670 Seiten stark ist?

Gesa Schwartz: Etwa ein Jahr.

Yvonne: In dem Roman kommen sehr viele Charaktere vor. Wie behältst du alle im Überblick?

Gesa Schwartz: In einem anderen Interview sagte ich einmal, dass ich in all meinen Figuren stecke, ähnlich einem Mosaik, das zerbrochen wurde und dessen Einzelteile nun von unterschiedlichen Kreaturen beheimatet werden. Aus diesem Grund benötige ich auch keine schriftlichen Fixierungen meiner Charaktere, wenn ich erst einmal in der Geschichte angekommen bin: Dann sind die Figuren ein Teil von mir und ich bin ein Teil ihrer Welt. Wir erleben die Geschichte sozusagen Hand in Hand – da fällt es schwer, sich aus den Augen zu verlieren.

Yvonne: Was war der schwierigste Teil bei der Entstehung von „Grim“?

Gesa Schwartz: Das schwierigste war, die äußere Welt auszusperren, wenn ich an GRIM gearbeitet habe – meine Gedanken und Empfindungen ganz auf meine Geschichte einzustellen, mich sozusagen hineinzustürzen, ohne störenden Faktoren aus der Außenwelt die Macht der Beeinflussung zu geben.

Yvonne: Gegenfrage: Welche Szene hast du am liebsten geschrieben oder ist deine Lieblingszene?

Gesa Schwartz: Am liebsten habe ich all jene Szenen geschrieben, in denen ich ganz in die Geschichte eintauchen und Grims Abenteuer mit meinen Figuren zusammen erleben konnte – Szenen, die mich überrascht haben und in denen Dinge passiert oder Charaktere aufgetaucht sind, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Es gibt viele Szenen, die mir aus ganz unterschiedlichen Gründen besonders am Herzen liegen – aber eine richtige Lieblingsszene habe ich nicht (zumindest wäre es, wenn ich jetzt eine niederschriebe, vermutlich im nächsten Moment schon wieder eine andere).

Yvonne: Hast du Unterstützung von Familie oder Freunden bekommen wenn du mal nicht weiter gewusst hast?

Gesa Schwartz: Meine Familie und auch meine Freunde gehören zu dem Wichtigsten, das ich im Leben habe, und ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mich unterstützen.

Yvonne: Ich habe gelesen, dass du in einem Zirkuswagen wohnst. Stimmt das?

Gesa Schwartz: Ja, ich wohne tatsächlich in
einem Zirkuswagen. Wenn man wie ich ein Jahr lang durch Europa gereist ist
und ohnehin eine gewisse Ruhelosigkeit in sich trägt, können vier gemauerte
Wände auf einmal etwas sehr Beängstigendes haben…

Yvonne: Was machst du, wenn du nicht gerade am Schreibtisch sitzt und schreibst?

Gesa Schwartz: Da möchte ich gern Michael Ende zitieren: Ich welke. Aber ich sterbe nicht.

Yvonne: Woran arbeitest du gerade oder was können die Leser von dir als nächstes erwarten?

Gesa Schwartz: Ich arbeite gerade an einem weiteren Abenteuer zu GRIM, das vermutlich ein wenig düsterer und actionreicher werden wird als das vorangegangene. Es wird ein Wiedersehen mit einigen Figuren aus dem ersten Band geben, aber auch mancher neue Charakter wird auftauchen, und meine Protagonisten werden mit ganz besonderen Schatten der Anderwelt konfrontiert …

Yvonne: Was ist die wichtigste Sache in deinem Leben?

Gesa Schwartz: Auch, wenn es vielleicht langweilig und abgegriffen klingt: meine Familie, meine Freunde, mein Schreiben.

Yvonne: Vervollständige bitte den Satz: Mein Leben ist…

Gesa Schwartz: … mein wichtigstes Werk, sagt Simone de Beauvoir. Ich schließe mich an.

Gesa, vielen Dank für das schöne und ausführliche Interview. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute.

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