25. März 2010

[Interview] Interview mit Gesa Schwartz

 Auf der Leipziger Buchmesse 2010 hatte ich das Glück mit Gesa Schwartz, der Autorin von “Grim – Das Siegel des Feuers”, ein Interview zu führen.


Yvonne: Gesa, vielen Dank, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Vor ein paar Tagen ist dein Debütroman “Grim – das Siegel des Feuers” erschienen. Wolltest du schon immer Autorin werden?

Gesa Schwartz: Ich habe schon sehr früh damit begonnen, Geschichten zu erzählen, und das Schreiben war immer eine wesentliche Konstante in meinem Leben. Auch, wenn ich nichts mehr wusste und fühlte, war eines immer klar: Ich wollte schreiben und anderen Menschen die Geschichten erzählen, die an mein inneres Stirnzimmer klopften. Insofern war es immer schon mein Ziel, Schriftstellerin zu werden, ganz nach Michael Ende, der in Jim Knopf schreibt: Ein richtiger Lokomotivführer will Lokomotivführer werden und sonst gar nichts.

Yvonne: Hast du damit gerechnet, dass dein Skript tatsächlich als Buch bei einem Verlag veröffentlicht wird? Wie kam es dazu?

Gesa Schwartz: Da ich schon sehr lange schreibe, habe ich bereits vor einer ganzen Weile gelernt, dass einiges zusammenkommen muss, damit eine Geschichte veröffentlicht wird. Ohne die letzte Prise Glück kann ein Text noch so viele der anderen, ebenso wichtigen Aspekte erfüllen, die nötig sind für eine Veröffentlichung – er wird es dennoch nicht in die Buchhandlungen schaffen. Nach einigen Rückschlägen habe ich natürlich darauf gehofft, mit GRIM einen Verlag zu finden, aber damit gerechnet habe ich auf keinen Fall; dafür gibt es einfach zu viele Stolpersteine auf dem Weg, die man als Autor gar nicht überblicken kann. Nach einem Agenturwechsel kam es dann zur Auktion um GRIM, bei der Lyx schließlich den Zuschlag erhalten hat.

Yvonne: Wann und wie ist dir die Idee zu „Grim“ gekommen?

Gesa Schwartz: Der Auslöser der Geschichte war ein Bild, das eines Nachts in mir auftauchte. Ich sah eine dunkle, steinerne Gestalt mit gewaltigen Schwingen hoch über den Dächern von Paris. Als ich mich der Gestalt näherte, konnte ich ihr ins Gesicht schauen. Es war das Gesicht eines Gargoyles, eines Engels, eines Dämons – vielleicht von allem ein bisschen. Er sah mich mit seiner Narbe über dem rechten Auge an und nannte mir mit vorsichtigem Lächeln seinen Namen. So lernte ich Grim kennen, und von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich seine Geschichte erzählen wollte. Er war und ist immer das Zentrum der Geschichte gewesen, und alles Weitere – die anderen Figuren, der Hintergrund, die Welt, in der er lebt – entwickelte sich um ihn herum.

Yvonne: Dein Buch „Grim – Das Siegel des Feuers“ spielt sowohl in Paris als auch in einer Parallelwelt. In wiefern hat dich die Stadt Paris für deinen Roman inspiriert?

Gesa Schwartz: Paris ist eine phantastische Stadt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Stadt hat einen bestimmten Duft, denkt Mia in der Geschichte. Aber den Duft der Sehnsucht findet man nur in Paris. Das sehe ich ganz genauso. Paris hat einen Rhythmus, der mit dem Atem der Geschichte übereinstimmt, und ist als Geburtstadt der gotischen Wasserspeier natürlich darüber hinaus ein ideales Setting. Für mich ist es unmöglich, in Paris zu sein, ohne Inspiration zu finden – oder vielmehr: mich von ihr finden zu lassen.

Yvonne: Was hat dich dazu veranlasst über Gargoyles zu schreiben?

Gesa Schwartz: Der Auslöser dafür lag wie gesagt in dem Bild von Grim, das am Anfang der Geschichte aufgetaucht ist. Darüber hinaus fand ich Gargoyles an sich schon immer faszinierend. Wie ich in anderen Interviews bereits sagte, findet man sie an unzähligen Kirchen und anderen Gebäuden, sie sind Teil unserer Kultur und unseres Lebens und doch fallen sie den wenigsten Menschen noch auf. Sie sind wie steinerne Schatten, deren Vergangenheit wir vergessen haben, die blass geworden sind, weil der Regen ihnen die kräftigen Farben, die mittelalterliche Exemplare noch trugen, abgewaschen hat und uns ihre einstige Bedeutung nicht mehr bewusst ist. Mitunter ist es sogar schwer, sie in der Fülle der Ornamente an gotischen Kathedralen überhaupt zu erkennen – und doch sind sie da und scheinen aus steinernen Augen die Menschen zu beobachten, die keinen Blick für sie übrig haben. Somit sind Gargoyles in ihrer Schattenhaftigkeit ein Sinnbild für die Existenz des Geheimnisvollen in unserem Alltag, das mich schon immer fasziniert hat.

Hinzu kommt noch eine gewisse Düsternis, ein Hauch des Unheimlichen und Bösen oder zumindest Ambivalenten, der in der Geschichte der Gargoyles begründet liegt. Die Funktion der Speier hatte besonders im Mittelalter ja hauptsächlich abwehrenden Charakter, was auch durch das Ausspeien des Wassers verdeutlicht wird: Nicht nur das Speien an sich, auch das fließende Wasser besaß nach mittelalterlichem Glauben die Kraft, das Böse zu vertreiben – zumal dann, wenn es sich um Regen, also „Himmelswasser“ handelte. Zahlreiche Wasserspeier wurden als Apotropaika, Dämonenabwehrer, dargestellt, wie beispielsweise die meist menschlichen Bartweiser-Speier oder Tiere, die bereits im Physiologus als Kämpfer gegen das Böse beschrieben werden. Darüber hinaus zeichnen sich die meisten Wasserspeier durch eine Dämonisierung aus (so wurden Tieren artfremde Attribute hinzugefügt, ihre Gesten wurden der Natur entfremdet und deuten so auf ein Dämonenwesen hin, oder einst majestätische Geschöpfe wurden ihrer Erhabenheit beraubt und so dem dämonischen Reich zugeordnet, wie beispielsweise der Schlappohrengreif am Kölner Dom), um nach dem Grundsatz similia similibus curantur – Gleiches wird geheilt durch Gleiches – Dämonen durch ihr Spiegelbild zu vertreiben. Aus diesem Grund handelt es sich übrigens bei mittelalterlichen Speiern ausschließlich um Unikate: Durch die zahlreichen Variationen wurde gewährleistet, möglichst viele Dämonen in die Flucht zu schlagen.

Und noch heute personifizieren die Gargoyles für viele Menschen das Böse. An der Washington National Cathedral prangt zum Beispiel ein ganz besonderer Wasserspeier, nämlich der Kopf von Darth Vader. Im Rahmen eines Wasserspeier-Design-Wettbewerbs wurde er mit der Begründung vorgeschlagen, dass Darth Vader in der heutigen Zeit als Verkörperung des Bösen die ideale Besetzung für einen Wasserspeier wäre.

In GRIM verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Es gibt keine Eindeutigkeit und ich habe einige Beschränkungen aufgebrochen, die durch Einordnungen in der Forschung bestehen. Die Gesellschaft der Gargoyles reicht in meiner Geschichte weit über die Wasserspeier hinaus. Zwar gibt es beispielsweise die Sputatores, den vornehmsten Wasserspeierclan von ganz Paris, oder den Clan der Mephisti, deren Mitglieder den dämonischen Gargoyles an Kirchengebäuden am ehesten entsprechen, wobei ich den Grund für die oftmals abschreckend verzerrten Gesichter neu gedeutet und auf andere Füße gestellt habe. Aber der Begriff der Gargoyles beschränkt sich in GRIM nicht auf Wasserspeier, sondern umfasst steinerne Figuren im Allgemeinen. Denn nicht nur Wasserspeier sind umgeben von einer Aura des Geheimnisvollen und Unnahbaren. Wer jemals den Apollo von Belvedere gesehen, den barberinischen Satyr im Schlaf berührt oder die Hand auf die steinernen Finger des Sterbenden Galliers gelegt hat, der spürt, dass unter der Haut dieser Statuen mehr liegen könnte als Stein. Dieses MEHR ist es ja, das die Phantasie begründet und die phantastische von der mimetischen Literatur unterscheidet. Und wenn man das einmal gefühlt hat, kann man nicht mehr über einen Friedhof gehen, ohne sich aus steinernen Augen beobachtet zu fühlen, oder unter der Nike von Samothrake stehen, ohne ein leichtes Flügelrauschen zu hören.

Yvonne: Wie bist du auf den Namen „Grim“ gekommen?

Gesa Schwartz: Grim hat mir seinen Namen genannt. Die meisten Figuren nähern sich mir von sich aus auf ihre ganz individuelle Weise, manche muss ich befragen, andere schweigen lange, bis sie beschließen, sich mir vorzustellen, und wieder andere fallen beinahe über meinen Schreibtisch, so begierig sind sie darauf, ein Teil der Geschichte zu werden. Der Name ist jedoch immer ein Schlüssel zum Charakter einer Figur, auch wenn ich seine Bedeutung erst nach und nach herausfinde, und so ist es auch bei Grim. Mittelhochdeutsch grim bedeutet beispielsweise Zorn, Rauheit, Heftigkeit, mhd. grimme hingegen Schmerz oder verzweifelt, und wer das Buch gelesen hat, weiß, dass mein Protagonist mit diesen Begriffen eng verbunden ist – gerade auch, da sich hinter seiner äußeren Fassade so viel verbirgt, das er vor allem und jedem geheim halten will, sogar vor sich selbst.

Yvonne: Grim unterscheidet sich ja sehr stark von den anderen Schattenflüglern. Warum ist gerade er anders als die anderen und sehnt sich nach einer Welt voller Gefühle und Empfindungen?

Gesa Schwartz: Um diese Frage befriedigend beantworten zu können, müsste ich glaube ich zu viel von der Geschichte verraten. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: In Grim liegen Geheimnisse, von denen er teilweise selbst noch nichts ahnt.

Yvonne: Wie lange hast du an dem Buch geschrieben, das ca. 670 Seiten stark ist?

Gesa Schwartz: Etwa ein Jahr.

Yvonne: In dem Roman kommen sehr viele Charaktere vor. Wie behältst du alle im Überblick?

Gesa Schwartz: In einem anderen Interview sagte ich einmal, dass ich in all meinen Figuren stecke, ähnlich einem Mosaik, das zerbrochen wurde und dessen Einzelteile nun von unterschiedlichen Kreaturen beheimatet werden. Aus diesem Grund benötige ich auch keine schriftlichen Fixierungen meiner Charaktere, wenn ich erst einmal in der Geschichte angekommen bin: Dann sind die Figuren ein Teil von mir und ich bin ein Teil ihrer Welt. Wir erleben die Geschichte sozusagen Hand in Hand – da fällt es schwer, sich aus den Augen zu verlieren.

Yvonne: Was war der schwierigste Teil bei der Entstehung von „Grim“?

Gesa Schwartz: Das schwierigste war, die äußere Welt auszusperren, wenn ich an GRIM gearbeitet habe – meine Gedanken und Empfindungen ganz auf meine Geschichte einzustellen, mich sozusagen hineinzustürzen, ohne störenden Faktoren aus der Außenwelt die Macht der Beeinflussung zu geben.

Yvonne: Gegenfrage: Welche Szene hast du am liebsten geschrieben oder ist deine Lieblingszene?

Gesa Schwartz: Am liebsten habe ich all jene Szenen geschrieben, in denen ich ganz in die Geschichte eintauchen und Grims Abenteuer mit meinen Figuren zusammen erleben konnte – Szenen, die mich überrascht haben und in denen Dinge passiert oder Charaktere aufgetaucht sind, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Es gibt viele Szenen, die mir aus ganz unterschiedlichen Gründen besonders am Herzen liegen – aber eine richtige Lieblingsszene habe ich nicht (zumindest wäre es, wenn ich jetzt eine niederschriebe, vermutlich im nächsten Moment schon wieder eine andere).

Yvonne: Hast du Unterstützung von Familie oder Freunden bekommen wenn du mal nicht weiter gewusst hast?

Gesa Schwartz: Meine Familie und auch meine Freunde gehören zu dem Wichtigsten, das ich im Leben habe, und ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mich unterstützen.

Yvonne: Ich habe gelesen, dass du in einem Zirkuswagen wohnst. Stimmt das?

Gesa Schwartz: Ja, ich wohne tatsächlich in
einem Zirkuswagen. Wenn man wie ich ein Jahr lang durch Europa gereist ist
und ohnehin eine gewisse Ruhelosigkeit in sich trägt, können vier gemauerte
Wände auf einmal etwas sehr Beängstigendes haben…

Yvonne: Was machst du, wenn du nicht gerade am Schreibtisch sitzt und schreibst?

Gesa Schwartz: Da möchte ich gern Michael Ende zitieren: Ich welke. Aber ich sterbe nicht.

Yvonne: Woran arbeitest du gerade oder was können die Leser von dir als nächstes erwarten?

Gesa Schwartz: Ich arbeite gerade an einem weiteren Abenteuer zu GRIM, das vermutlich ein wenig düsterer und actionreicher werden wird als das vorangegangene. Es wird ein Wiedersehen mit einigen Figuren aus dem ersten Band geben, aber auch mancher neue Charakter wird auftauchen, und meine Protagonisten werden mit ganz besonderen Schatten der Anderwelt konfrontiert …

Yvonne: Was ist die wichtigste Sache in deinem Leben?

Gesa Schwartz: Auch, wenn es vielleicht langweilig und abgegriffen klingt: meine Familie, meine Freunde, mein Schreiben.

Yvonne: Vervollständige bitte den Satz: Mein Leben ist…

Gesa Schwartz: … mein wichtigstes Werk, sagt Simone de Beauvoir. Ich schließe mich an.

Gesa, vielen Dank für das schöne und ausführliche Interview. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute.

13. März 2010

[Rezension] Alison Goodman - Eona. Drachentochter

Alison Godman
Drachentochter, Eona-Reihe, Teil 1  
Originaltitel: Eon-Dragoneye Reborn
Verlag: cbj
ISBN: 978-3-570-13565-5
Seiten:
512
Ausgabe:
Hardcover mit Schutzumschlag


Seit Jahrhunderten herrschen sie neben dem Kaiser über das Reich: die Drachenaugen, Auserwählte der magischen Drachen und Träger ihrer Macht. Eona, das Mädchen aus den Salzminen, träumt davon, eine von ihnen zu sein, schließlich hat sie die seltene Gabe, die Drachen in ihrer wahren Gestalt zu sehen. Aber Eonas Traum ist Frevel und Rebellion – ist es doch Mädchen und Frauen unter Todesstrafe verboten, Magie zu wirken. Als Eona sich als Junge verkleidet in die Auswahlzeremonie schmuggelt, geschieht das Unglaubliche: Der lange verschollene Spiegeldrache erwählt sie zu seiner magischen Novizin. Doch einer hat in ihr das Mädchen erkannt: der charismatische Lord Ido, erstes und mächtigstes Drachenauge. Als er Eonas besondere Kräfte für seine dunklen Pläne missbrauchen will, muss sie schneller lernen, ihre Magie zu beherrschen, als je ein Novize zuvor …

Meine Rezension:
Mit Alison Goodmans Debüt „Eona – Drachentochter“ taucht der Leser in eine phantastische Fantasywelt voller Mythen ein. Dabei hat die Autorin eine eigene neue Welt mit wundervollen Sagen und Fabeln geschaffen. So wird das Reich schon seit hunderten von Jahren neben dem Kaiser auch von den sogenannten Drachenaugen beherrscht. Dabei ist jedes dieser Drachenaugen mit einem der zwölf Energiedrachen, Wesen, die nur von den Fähigen und den Auserwählten gesehen und beherrscht werden können, verbunden. Mit ihrer Hilfe besitzen die Drachenaugen jene Magie, um das Reich und die Menschen vor Unwetter und Gefahren zu schützen. Zu Beginn der eigentlichen Geschichte gibt es jedoch nur elf Drachenaugen, denn der zwölfte Drache, der Spiegeldrache, hat sich vorüber 500 Jahren zurückgezogen und seit dem verschwunden.
Es ist ausschließlich den Männern vorbehalten die Drachensicht, eine Sicht mit der Fähigkeit alle Drachen sehen zu können, von den Göttern zu bekommen. Frauen ist es verboten solche Magie zu wirken und wird mit der Tod bestraft. Jedoch besitzt das Mädchen Eona jene Gabe und wird, obwohl sie ein Mädchen ist, von ihrem Meister Brannon zum Drachenauge ausgebildet. Getarnt als Junge und mit einer kaputten Hüfte setzt er alle Hoffnung in sie, um das neue Tiegerdrachenauge zu werden. Und tatsächlich wird „Eon“ ein Drachenauge. Aber nicht irgendeines: Sie wird zum ersten Spiegeldachenauge seit mehr als 500 Jahren.
Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer. Kaum dass sie in den Palast des Kaisers eingezogen ist, merkt sie, dass sie sich mit dem Spiegeldrachen nicht wirklich verbunden hat und sie ihn nicht nach Belieben rufen kann: Sie kennt seinen Namen nicht.
Doch nicht nur das: Auch steht ein Putsch gegen den Kaiser bevor und so muss sie nicht nur politisch Stellung beziehen, sondern auch lernen ihren Drachen wiederzufinden, da er sich allmählich immer weiter von ihr zurückzieht.
Das Buch ist wunderschön aufgemacht. Leider liegt mir nur ein Leseexemplar im Paperback vor und kann es nicht mit dem Hordcover vergleichen, in dem man das Buch im Laden kaufen kann. Das Cover ist jedoch das gleiche. Es zeigt das Mädchen Eona, die ihr Schwer vor sich hält während eine Gesichtshälfte von ihr normal, die andere mit der Drachensicht verziert ist. Im Innern des Buchs gibt es auch eine Karte des kaiserlichen Palasts. Jedoch muss ich sagen, dass ich die Karte für den Verlauf der Geschichte nicht benutzen musste. Was ich jedoch vermisst habe, ist ein Glossar mit wichtigen Begriffen, denn am Anfang war es ziemlich schwer die Geschehnissen um Drachen und Drachenaugen zu begreifen. Auch hat mich mein Kopfkino im Bezug auf die Drachen, die nur von den Menschen mit der Drachensicht gesehen werden können und einem Buch, dass sich um einen Arm schlingen kann, etwas verlassen. Es war schwer in die Geschichte hineinzufinden, doch nach und nach habe ich mich in der Welt von Eona zu recht gefunden und mir hat es dann doch sehr viel Spaß gemacht zu lesen. Auch wenn leider ein paar Dinge vorhersehbar waren. Wie zum Beispiel: Warum sich der Spiegeldrache von Eona zurückzieht. Alles in allem ist das Buch aber sehr schön geschrieben und auch flüssig zu lesen. Allerdings muss man mit den Gedanken bei der Sache sein um der Geschichte zu folgen. Man darf sich nicht von irgendwas ablenken lassen oder einfach mal „querlesen“, da es in der Geschichte auch um sehr viel politische Intrigen und Machtspiele geht. Diese sind aber so gut beschrieben, wie sie für ein Jugendbuch verständlich sind.
Die komplette Geschichte wird aus Eonas Sicht erzählt und man kann sich wunderbar in ihre Gefühle und Gedankengänge hinein versetzen und versteht zu jeder Zeit ihre Handlungen. Was auf der einen Seite schön ist, ist auf der anderen Seite ein Versäumnis, denn ich hätte wirklich sehr gerne mehr über den Bösewicht in der Geschichte erfahren, da er für mich zum Teil nicht wirklich greifbar war. Alle anderen Figuren, ihnen voran Eona, sind wunderbar ausgearbeitet und man kann nicht anders als sie einfach nur ins Herz zu schließen.

Mein Fazit:
Die komplette Handlung wurde von der Autorin wunderbar ausgearbeitet und ist sehr Nahe an die chinesische und japanische Kultur angelehnt. Es bietet eine wunderbare Mischung aus Fantasy und Spannung und ich kann das Buch jedem Fantasyfan, egal welchen Alters, nur empfehlen.
Mir hat das Buch bis auf ein paar kleine Schwächen sehr gut gefallen und hat mir ein paar wunderschöne Lesestunden beschert. Da es sich bei „Eona“ um einen Mehrteiler handelt, bin ich schon sehr gespannt, wie es in der Geschichte weitergeht. Ich hoffe der Verlag lässt nicht zu lange auf den Folgeband warten.

[Rezension] Gesa Schwartz - Grim

 
Gesa Schwartz
Grim - Das Siegel des Feuers
 Verlag: Egmont-LYX
Seiten: 688
Ausgabe:
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8025-8303-2
Preis: € 19,95
Leseprobe

Der Gargoyle Grim wahrt das steinerne Gesetz, nach dem niemals ein Mensch von der Existenz seines Volkes erfahren darf. Doch dann wird dieses Gesetz aufgrund eines rätselhaften Pergaments gebrochen. Gemeinsam mit der jungen Sterblichen Mia, einer Seherin des Möglichen, will Grim das Geheimnis des Pergaments ergründen. Sie ahnen nicht, dass sie einem Rätsel auf der Spur sind, welches das Schicksal der ganzen Welt bedroht …

Meine Rezension:
Die wunderschöne Illustration wurde im Stil der Handlung gehalten und ist, aufgrund der Farben, ein echter Blickfang. So sieht man Grim auf einer Brüstung vor dem Panorama von Paris sitzen, während im sich der Himmel im Hintergrund golden färbt.Das gesamte Coverbild wird umrahmt von Verzierungen, so dass der Betrachter meinen könnte, Grim aus einem Aussichtspunkt einer Kirche zu betrachten. Natürlich darf auf dem Cover der Name der Autorin sowie der Buchtitel nicht fehlen.
Gesa Schwartz entführt den Leser in ihrem Debütroman „Grim – Das Siegel des Feuers“ in eine Welt voller Magie und Mysterien. So spielt die Handlung zwar in der französischen Hauptstadt Paris, jedoch hat die Autorin eine weitere Welt erschaffen, die parallel zu unserer existiert. Hier leben Werwölfe, Kobolde, Vampire und andere magische Geschöpfe verborgen vor den Augen der Menschen. Unter ihnen sind auch die Gargoyles, die jeder, der einmal Paris besucht hat, als Wächter alter Kirchen kennt. In „Das Siegel des Feuers“ haucht Gesa Schwartz ihnen Leben ein, dass sie zu magischen und den Menschen gar nicht so unähnlichen Wesen werden. Sie leben unbemerkt zusammen mit anderen neuen Fantasywesen, z.B. Hybriden (Mischwesen – halb Mensch, halb Gargoyle), unter Menschen und in der unterirdischen Anderwelt von Paris.
In dem Roman geht es darum, dass der Hauptcharakter Grim sich mit dem Menschenmädchen Mia zusammenschließt um hinter das Geheimnis des „Siegels des Feuers“ zu kommen, welches einen mächtigen und uralten Zauber beherbergen soll. Es ist ein Zeichen des Wandels seit der alten Zeit, in der in Ghrogonia, der Stadt des Zwielichts, noch echte Drachen lebten. Es schützt Geheimnisse, welche die Welt verändern könnten…
Gesa Schwartz’ Schreib- und Erzählstil ist flüssig und spannend zu lesen, dabei aber an keiner Stelle oberflächlich. Wer also denkt einfach nur eine Lektüre vor sich zu haben um sie zu „überfliegen“, irrt sich gewaltig. Man muss die Geschichte sehr genau lesen und sich für die Welt der Gargoyles Zeit nehmen. Das Buch geht sehr in die Tiefe, wobei man auch selber mitdenken und kombinieren muss. Auch aufgrund der philosophischen und mythologischen Ansätze regt die Geschichte zum Nachdenken an und hebt sich so von vielen anderen Erzählungen des Genres wohltuend ab. Eine sehr besondere und anspruchsvolle Lektüre, die den Leser aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr loslässt. Obwohl die Autorin stets in die Tiefe geht (auch, was den Hintergrund ihrer Welt betrifft und deren gesellschaftliche Strukturen) und sich nie in Oberflächlichkeiten verliert, wird es nie langweilig. Ein Höhepunkt folgt dem nächsten, die Konflikte spitzen sich immer weiter zu und viele Stellen werden von einer mitreißenden Dramatik getragen. Die Lektüre war ein sehr intensives Erlebnis, zahlreiche Stellen sind sehr eindringlich geschildert und ich konnte alles, was die Figuren erlebten, hautnah mitfühlen. Dabei schreckt die Autorin auch nicht davor zurück, ihre Charaktere immer wieder in Extremsituationen zu bringen und so auch in dem Leser heftige Gefühle auszulösen. Außerdem hat die Autorin die Kapitel angenehm kurz gehalten und die Geschichte wird an vielen Stellen von einem feinen Humor und subtiler Ironie durchzogen.
Die Charaktere sind wunderbar herausgearbeitet und liebevoll gestaltet. Jeder einzelne wurde von der Autorin mit seiner eigenen, detaillierten Vergangenheit ausgestattet und in seinem Handeln und seinen Entwicklungsschritten so dargestellt, dass er wie alle anderen überzeugend und glaubhaft wirkt.
So zum Beispiel der Hauptcharakter Grim. Wie jeder weiß hassen Gargoyles Tauben – dies ist eine Charaktereigenschaft, an die ich selber gar nicht mehr gedacht habe, ein Detail, dass aber von der Autorin wundervoll beschrieben wird. Grim ist ein sogenannter Schattenflügler und stammt zudem aus der Reihe der Vulkangeborenen, der stärksten Gargoyles, ab. Das ist einer der Gründe warum er besondere Kräfte hat, sich aber auch sonst von den anderen unterscheidet, da er sich nach der Menschenwelt, einer Welt voller Gefühle, Hoffnungen und Träume, sehnt. Ausserdem ist Grim ein Mitglied der OGP, der Obersten Gargoyle Polizei, und wurde aufgrund eines Regelverstoßes für einige Zeit in eine niedrigere Rangstufe versetzt. Mit zunehmender Handlung werden die weiteren facettenreichen Hintergründe seines Innenlebens und sein innerer Konflikt deutlich. Aber auch Mia hat einen (positiven) Einfluss auf ihn, was er natürlich nie und nimmer zugeben würde…
Mir persönlich war Grim sehr angenehm und erfrischend anders. Vor allem hat mir sehr gut gefallen, dass dieser grimmige Kerl doch so schön lustig und dabei auch sarkastisch sein kann.
Mia ist 17 Jahre und hat eine ganz besondere Begabung. Sie spürt, dass in der Welt mehr sein muss, als das menschliche Auge sehen kann. Sie besitzt eine große, magische Kraft, die sie erst noch erlernen und kontrollieren muss. Ihr Leben nimmt eine dramatische Wendung, als ihr Bruder Jakob ihr eine fantastische neue Welt offenbart. Hier findet sie neue Freunde, unter denen auch Grim, ein mürrischer und unhöflicher Gargoyle ist…
Beide Hauptcharaktere durchlaufen in der Geschichte eine vielschichtige und tiefgründige Entwicklung, die die Autorin durchgehend nachvollziehbar in die Handlung integriert hat. Viele kleine und große Hinweise auf die inneren Konflikte durchziehen die Geschichte wie Puzzlestücke. Am Ende ergeben sie ein bis ins Detail herausgearbeitetes glaubwürdiges Bild, so dass die Wandlungen der Charaktere sehr gut nachzuvollziehen und vor allem mitzuempfinden sind.
Doch nicht nur die Hauptcharaktere sind wunderbar herausgearbeitet, auch die Nebencharaktere wie Mourier, der Polizeipräsident oder Remis, der Kobold, sind überzeugend. Vor allem Remis, dieser liebe, kecke und rotzfreche Kerl hat es mir angetan.

Mein Fazit:
Gesa Schwartz’ Debüt „Grim – Das Siegel des Feuers“ ist eine ganz eigene, wunderbar ausgearbeitete Geschichte, die sich den derzeit üblichen Genreeinteilungen und -klischees vollkommen entzieht. Ich würde sie als anspruchsvolle Fantastik mit tiefgründigen Charakteren und reichlich Spannung bezeichnen, die sich für männliche Leser ebenso eignet wie für weibliche.
Es ist ein Buch, das man wirklich gelesen haben sollte, denn obwohl der Roman für mich auch aufgrund der Gargoyles eine wundervolle Abwechslung zu den üblichen Fantasybüchern war, hebt er sich bei Weitem nicht nur durch diese außergewöhnlichen Charaktere von den meisten anderen Büchern des Genres ab. Kurz: Ich finde absolut keinen Kritikpunkt an dieser Geschichte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin in Zukunft noch weitere Werke veröffentlichen wird und freue mich schon sehr darauf Gesa Schwartz auf der Leipziger Buchmesse zu interviewen. Deswegen auch ein herzliches Dankeschön an den Egmont-LYX Verlag für die Vermittlung der Kontaktadresse.

[Interview] Interview mit Bernd Perplies

 Bernd Perplies ist einer der erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren, dem mit seiner Trilogie „Tarean“ der Durchbruch auf dem deutschen High-Fantasy Markt gelang.
Ich habe den sympathischen Autor zu einem persönlichen Interview getroffen und herausgekommen ist ein sehr persönliches Gespräch mit sehr interessanten Antworten.

Yvonne: Wie bist du auf die Idee deiner „Tarean“-Reihe gekommen? Welchen Impuls oder Ausschlag gab es, dass du dich hingesetzt und losgeschrieben hast?

Bernd Perplies: Ich habe schon immer gerne geschrieben. Die ersten Geschichten von mir datieren bis in die Grundschule zurück – und sind zum Glück mittlerweile alle verschollen. Anschließend habe ich immer wieder Kurzgeschichten verfasst, die meist von irgendwelchen Rollenspielen inspiriert waren, die ich mit Freunden in der Mittelstufe gespielt habe. Der einzige Grund, warum ich lange Zeit kein ganzes Buch mit 300 bis 400 Seiten geschrieben habe, war der, dass ich es einfach nicht geschafft habe, so viel Text zu Papier zu bringen. Aber eigentlich war das immer mein Wunschziel. Und dann, im Spätsommer 2006, kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen ging ich mittlerweile stark auf die 30 zu und sagte mir: „Entweder, du suchst dir jetzt einen ordentlichen Job oder du verwirklichst deinen Traum, Autor zu werden.“

Yvonne: Also wolltest du schon immer Autor werden?

Bernd Perplies: Ja, irgendwie schon. Oder Astronaut. Aber Autor lag dann doch etwas näher. Zum Zweiten flatterte mir just in diesem Zeitraum die Einladung zu einem Schreibwettbewerb ins Haus, für den man einen Fantasy-Roman verfassen sollte. Das war für mich der Anlass, zu sagen: „Jetzt machst du es!“ Und dann habe ich mich mit einem Freund, der ebenfalls an dem Wettbewerb teilnehmen wollte, hingesetzt, und zusammen haben wir uns angespornt, durchzuhalten und ein Projekt von etwa 400 Seiten zu stemmen.

Was die Idee zu „Tarean“ selbst angeht: Die entstammt ursprünglich dem Versuch, ein Drehbuch für einen Fantasy-Film zu schreiben. (Als ich damals angefangen habe, hießen die Figuren in der Geschichte zwar noch ganz anders, aber die Story war eine ähnliche.) Dieser Versuch begab sich vor ein paar Jahren während meines Studiums der Filmwissenschaft in Mainz. Wir hatten ein Seminar zum Thema „Drehbuchschreiben“, und ich hatte mir ein Handbuch zum Drehbuchschreiben gekauft. Darin wurde Schritt für Schritt erklärt, wie man ein Drehbuch von der Idee bis zum fertigen Manuskript entwickelt. Da wollte ich unbedingt mal sehen, ob das wirklich funktioniert. Also habe ich mir einen Fantasy-Stoff ausgedacht, den ich dann entlang der Kapitel dieses Handbuchs ausgearbeitet habe – bis ich schließlich zum letzten Kapitel kam, in dem es plötzlich hieß: „Jetzt schreib das Drehbuch!“ Nach vielleicht 15 Seiten kam mir der Gedanke, dass kein Mensch in Deutschland Geld für einen Fantasy-Film ausgeben würde und dieses ganze Projekt doch völliger Unsinn sei. Damit war die Motivation dahin, und das Ganze verschwand in der Schublade. Doch als es dann daran ging, einen Stoff für besagten Schreibwettbewerb zu suchen, habe ich mich an das Skript erinnert und alles wieder hervorgeholt. Aus dem Gerüst von damals wurde „Tarean“.

Yvonne: Wie kam es dazu, dass dir als unbekannter Autor die Türe zum LYX-Verlag geöffnet wurde?

Bernd Perplies: Das war eine Verkettung günstiger Umstände, denke ich. Erster günstiger Umstand: Ich bin in der Vorrunde des Schreibwettbewerbs rausgeflogen. Natürlich war das im ersten Moment unangenehm für mich, aber ich dachte mir: „Na schön, jetzt erst recht!“ Ich nahm mir die ganze Geschichte noch einmal vor und überarbeitete sie und suchte mir danach eine Literaturagentur, die auf Fantasy, Science-Fiction und derlei spezialisiert war. Dorthin habe ich ein paar Seiten Exposé sowie ein Kapitel geschickt und gefragt, ob Interesse an dem Buch bestünde. Zweiter günstiger Umstand: Diese Agentur war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, ihre Autorenriege verstärken. Und weil ihnen meine Geschichte gefiel, haben sie mir zugesagt und sind dann zur Frankfurter Buchmesse 2007 hingegangen, um „Tarean“ verschiedenen Verlagen anzubieten. Einige Monate später auf der Leipziger Buchmesse lagen uns dann einige Angebote vor, und das von LYX war dasjenige, das uns am besten gefallen hat, nicht zuletzt, weil – dritter günstiger Umstand – LYX gerade sein Portfolio um eine Fantasy-Sparte erweitert hatte und an All-Age-Stoffen besonders interessiert war. So wurde das Buch schon wenige Monate später veröffentlicht.

Yvonne: Wurdest du in die Covergestaltung der Bücher mit eingebunden?

Bernd Perplies: Gewissermaßen. Der Verlag hat mir im Fall von „Tarean – Sohn des Fluchbringers“ einige Cover zur Auswahl geschickt, und ich habe dann zurückgeschrieben, welches mir am Besten gefällt und warum. Das war es aber im Wesentlichen schon. Die Illustrationen, die auf den Büchern zu sehen sind, sind eingekaufte Bilder. Sie wurden also nicht extra für „Tarean“ gezeichnet, und ich wurde entsprechend nicht von Anfang an in die Motiventwicklung einbezogen. Aber ich konnte schon sagen: „Dieses Bild gefällt mir!“ Für den zweiten Band, „Tarean – Erbe der Kristalldrachen“ konnte ich sogar selbst einen Covervorschlag machen. Ich hatte auf der Website des Illustrators, der auch das Bild zum ersten Band gezeichnet hatte, ein Bild mit einem Drachen gefunden und schlug vor, selbiges zu verwenden, weil es recht gut zur Geschichte passen würde. Und das wurde dann auch genommen.

Yvonne: War „Tarean“ von Anfang an als eine Trilogie geplant?

Bernd Perplies: Nein. Dadurch, dass es am Anfang für den Wettbewerb geschrieben worden war, war es nur als ein Buch angedacht. Entsprechend war die Geschichte von „Sohn des Fluchbringers“ in sich abgeschlossen. Aber ich hatte hinten ein paar Kleinigkeiten offen gelassen, zwei, drei Fäden, die man hätte weiterführen können, für den Fall, dass jemand kommt und sagt, er hätte gerne mehr Bücher. Und LXY wollte dann in der Tat eine Trilogie daraus machen. Also habe ich mir überlegt, dass es noch zwei weitere Kapitel in Tareans Entwicklung vom einfachen Jungen, der auf einer Burg lebt, bis zum Ritter geben könnte. Diese beiden Etappen – die Suche nach den verschwundenen Kristalldrachen und das Zusammenführen der ehemaligen Ritter des Kristalldrachenordens – sind in Band 2 und 3 beschrieben.

Yvonne: Wie bist du beim Planen der Geschichte und der Charaktere vorgegangen? Sie sind ja recht unterschiedlich – von einem Werbär, den Taijirin bis hin zu den Grawls. Woher nimmst du dir diese Ideen?

Bernd Perplies: Also was die reine Handlung angeht, habe ich mich an diesem Handbuch zum Drehbuch orientiert. Das sagt, dass man im Grunde drei Teile braucht – Anfang, Mittelteil und Schluss – und die in etwa ein Viertel, zwei Viertel, ein Viertel der Handlung umfassen sollten. Dazwischen gibt es zwei Wendepunkte, die der Geschichte Fahrt verleihen. Dieses so genannte Paradigma wurde von Syd Field, dem Autor des Handbuchs, eigentlich für Filmstoffe entwickelt, aber es funktioniert auch für Romane. Danach habe ich ein Kapitelexposé geschrieben, das heißt, ich habe überlegt, dass ich gerne 16 Kapitel (4/8/4) in meinem Roman hätte und dann in ein paar Sätzen umrissen, was in jedem Kapitel passieren soll. Das war mein Grundgerüst, um die Geschichte selbst zu schreiben.

Was die Figuren anging, wollte ich eine möglichst bunt gemischte Gruppe haben, damit die Dynamik zwischen den Figuren einfach spannend ist. Ich wollte einen riesigen Burschen, einen vertrauenswürdigen Kerl, haben, der ein guter Kumpel ist, der einem den Rücken frei hält. Das ist Bromm, der Werbär – oder vielmehr der Wermensch, denn Bromm ist ja tatsächlich ein Bär, der Menschengestalt annehmen kann. Und ich wollte ein kleines, keckes Wesen haben, das für Unruhe sorgt; das war das Irrlicht Moosbeere. Natürlich brauchte ich auch einen Helden und möglicherweise auch einen exotischen Freund des Helden und eine Frau, in die er sich vielleicht verlieben könne. Das waren so die groben Anfangsgedanken. Darauf habe ich danach aufgebaut. Dabei wollte ich möglichst Völker wie Zwerge, Elfen und Orks, wie man sie in vielen Fantasygeschichten antrifft, vermeiden und ein bisschen was Exotischeres machen.

Yvonne: Wo nimmst du dir die Ideen dafür her?

Bernd Perplies: Völlig unterschiedlich. Zum Teil habe ich aus meiner langen Historie als Spieler von Fantasy-Rollenspielen geschöpft. Die Taijirin beispielsweise, die Vogelmenschen in Tareans Welt, gab es schon in den selbst geschriebenen Abenteuern, die ich vor vielen Jahren mit Freunden gespielt habe. Ich habe also aus meinem eigenen Fundus einige Wesen und Figuren übernommen, die ich mir früher ausgedacht habe. Wie ich auf den Werbär kam, weiß ich gar nicht mehr. Die Idee zu den Grawls oder Wolflingen, den Schergen des bösen Hexenmeisters Calvas, hatte ich, als ich im Internet das Bild eines hyänenartigen Fantasy-Monsters sah, das gierig die Zähne fletschte. Ich dachte mir, solche Wolfsmenschen würden ziemlich fies wirken, weil sie wie wilde Tiere sind und im Kampf völlig außer Kontrolle geraten können. Das gefiel mir besser, als die x-te Orkbedrohung. Ansonsten lasse ich mich von Filmen und Fernsehserien inspirieren – das ist wohl meinem Studium geschuldet. Oder von kuriosen Zeitungsartikeln. Ich schöpfe aus ganz unterschiedlichen Quellen.

Yvonne: Also beeinflusst dein eigenes Leben und dein Umfeld schon deine Arbeit als Autor?

Bernd Perplies: Auf jeden Fall. Bei welchem Autor ist das nicht so? Filme, die ich während meines Studiums sah, Rollenspielabenteuer mit Freuden – ganz gleich, wie lange sie her sein mögen –, das gelegentliche ungezielte Surfen im Internet, während dem man beispielsweise ein Bild oder einen kuriosen Infoschnipsel entdeckt, von dem man denkt: „Wow, das würde ich gerne als ähnliche Szene in eine Geschichte einbauen.“ oder auch einfach Begebenheiten des alltäglichen Lebens, die sich einem im Hinterkopf festsetzen … All das beeinflusst natürlich mein Schreiben.

Yvonne: Gibt es Momente, in denen du dich nicht entscheiden kannst, in welche Richtung deine Geschichte geht? Bzw. wie entscheidest du, ob eine Szene hinzukommt oder doch weggelassen wird?

Bernd Perplies: Also dadurch, dass ich mir vorher schon so ein Kapitelexposé mache, eine Art Übersicht, die mir sagt, was wann passieren sollte, stellen sich solche Fragen während des Schreibens selbst eigentlich eher selten. Es kann natürlich schon mal vorkommen, dass ich zwischendurch an eine Szene komme, die ich ausbaue, ohne es geplant zu haben – und mir dann aber denke: „Warum nicht?“ Wenn es mich irgendwie packt, darf es auch gerne mal mehr werden, als ursprünglich gedacht. Es ist aber nicht so, dass ich in eine ganz andere Richtung wegdriften würde. Gelegentlich kommt es vor, dass ich eine Szene schreibe und mich im Nachhinein frage, ob das so jetzt spannend genug ist oder ob das den Erzählfluss nicht zu sehr aufhält. Ich hatte zum Beispiel im ersten Romanmanuskript von „Tarean“ noch eine Szene, die mir ein bisschen Probleme bereitet hat. Tarean kommt in eine große Stadt – nach Agialon – und hat Schwierigkeiten mit den Wächtern, Grawls, die dort am Tor Wache halten. Diese Szene gibt es im fertigen Roman nicht mehr, denn einerseits nahm sie zu viel Platz in Anspruch (es gab eine Zeichenbegrenzung für den Schreibwettbewerb) und außerdem hatte ich auch das Gefühl, dass sie die Geschichte in dem Moment zu sehr aufgehalten hätte.

Yvonne: Welche Szene hast du am liebsten geschrieben?

Bernd Perplies: Eine richtige Lieblingsszene innerhalb der drei „Tarean“-Romane, die ich geschrieben habe, habe ich eigentlich nicht. Es ist allerdings schon so, dass ich manche Arten von Szenen lieber schreibe als andere. Zum Beispiel macht es mir mehr Spaß, Actionsequenzen zu schreiben. Im zweiten Teil von „Tarean“ gibt es so eine Szene, in der die Gefährten den Bruch überwinden müssen. Das ist eine ungefähr 700 Meter tiefe Stufe in der Landschaft, eine riesige Klippe. Um von oben nach unten zu gelangen, müssen sie an einem abenteuerlich mittelalterlichen Kranaufzug ablassen und werden dabei von Luftpiraten angegriffen und es kommt zu einem wilden Kampf. Diese Spannungsmomente machen mir schon Spaß, weil da viel passiert, weil sie dramatisch sind und tolle Bilder im Kopf heraufbeschworen werden. Andererseits mag ich es auch, wenn zwischen den Charakteren ein guter Dialog entsteht, wie immer wieder zwischen Tarean und Moosbeere, die teilweise sehr lustige Wortwechsel haben, oder zwischen Tarean und Iegi oder Tarean und Auril, die zum Teil sehr nachdenkliche, tiefsinnige Gespräche führen. Was mir mehr Arbeit bereitet, sind Szenen, in denen sich die Leute einfach nur von A nach B bewegen. In denen die Charaktere den Schauplatz wechseln und man das irgendwie landschaftlich attraktiv beschreiben muss.

Yvonne: Was machst du, wenn du eine Schreibblockade bekommst?

Bernd Perplies: Schreibblockaden habe ich, wenn überhaupt, eigentlich nur zu Beginn eines neuen Romans. Es gibt nicht viel, was einschüchternder ist, als ein leeres Worddokument, das nachher mehrere hundert Seiten umfassen soll. Es ist am Anfang schon schwierig, ein Gefühl für die Geschichte, die Charaktere und das Universum zu bekommen. Da hilft eigentlich nur, sich an seinem Kapitelexposé entlang zu hangeln und erstmal immer weiter zu schreiben. Das kann auch mal dazu führen, dass man am Ende des Tages sagt: „Das war jetzt nicht ganz so toll.“ – und dass man am anderen Tag die Hälfte wieder umschreibt. Aber man muss zumindest die Finger bewegen und ein paar Worte auf den Bildschirm bringen. Das ist schon sehr hilfreich. Und es wird immer leichter, je weiter man voran kommt, auch weil man irgendwann in so eine Art Zielsog hineingerät. Da rast man schließlich nur so auf das große Finale zu.

Yvonne: Mit welchem Charakter kannst du dich am meisten identifizieren oder hast du einen Lieblingscharakter?

Bernd Perplies: Eigentlich nicht. Ich versuche, die Hauptcharaktere alle so zu schreiben, dass ich sie mag und dass ich mit ihnen auch gerne selber unterwegs wäre. Ansonsten hätte ich wohl auch Schwierigkeiten, mehrere Bücher mit ihnen zu verbringen ohne mich zu langweilen. Also gerade was die Kerngruppe –Tarean, Auril, Bromm, Moosbeere, Iegi – angeht, mag ich alle auf ihre eigene Art so sehr, dass sie mich interessieren und ich gerne an ihrem Schicksal teilhabe. Aber einen richtigen Lieblingscharakter oder eine Figur, mit der ich mich besonders identifiziere, gibt es nicht.

Yvonne: Im März auf der Leipziger Buchmesse wirst du aus dem dritten Teil der „Tarean“-Reihe vorlesen. Hättest du gedacht, dass deine „Tarean“-Reihe bei den Lesern so gut ankommt? Wie ist es für dich, direktes Feedback von den Lesern zu bekommen?

Bernd Perplies: Man hofft natürlich als Autor immer, dass das, was man schreibt, bei den Lesern gut ankommt, denn man schreibt ja nicht, um die Geschichte in die Schublade herumliegen zu haben, sondern weil man sich wünscht, dass möglichst viele Leute sie lesen und ihren Spaß daran haben. Entsprechend freue ich mich natürlich über jedes Feedback, das ich bekomme – selbst wenn es (begründete) Kritik ist. Ich denke, es gibt wenig, was so sehr anspornt, neue und möglichst gute Geschichten zu schreiben, als das Feedback von Lesern, die sagen: „Das war jetzt toll. Oder: Ich hab das Buch jetzt schon zwei Mal gelesen. Oder: Das ist eines meiner Lieblingsbücher.“ Das baut einen als Autor schon auf.

Yvonne: Kannst du mir irgendwas über deine weiteren Projekte erzählen?

Bernd Perplies: Mein nächstes Projekt wird wieder eine Trilogie sein, die erneut bei Egmont-LYX erscheint. Sie trägt den Titel „Magierdämmerung“ und spielt im viktorianischen London um das Jahr 1895. Darin wird es, ganz grob gesprochen, um einen Krieg zwischen verschiedenen Magierfraktionen gehen, die sich um eine Quelle der Magie streiten, die aufgetaucht ist. Mehr kann ich dazu jetzt noch nicht sagen.

Yvonne: Kein Problem. Was machst du, wenn du mal nicht in deiner Fantasywelt lebst und schreibst? Hast du irgendwelche Hobbys?

Bernd Perplies: Ja, natürlich. Entgegen anders lautender Gerüchte, die besagen, dass Autoren alle Geschichten, die sie brauchen, sich selbst schreiben, lese ich beispielsweise sehr gerne und besitze auch eine ausufernde Sammlung an Romanen – viele davon harren leider aus Zeitgründen noch der Lektüre. Ich schaue auch sehr gerne Filme unterschiedlichster Art – vom Science-Fiction-Blockbuster bis zum kleinen Arthouse-Film. Daneben fröne ich nach wie vor meinem alten Hobby Rollenspiel. Das heißt, ich treffe mich mit Freunden und wir erleben gemeinsam Abenteuer in irgendwelchen fantastischen Welten. Ein – ganz nebenbei gesagt – unterschätztes Hobby, das in erstaunlichem Maße die Kreativität fördert!

Yvonne: Was ist die wichtigste Sache in deinem Leben?

Bernd Perplies: Ich weiß nicht, ob ich von einer wichtigsten Sache sprechen würde, aber was mir im Moment durchaus wichtig ist und wofür ich sehr dankbar bin, ist, dass ich gerade die Möglichkeit habe, Geschichten zu erzählen, die sich auch verkaufen und mit denen ich doch mehr als nur ein paar Lesern ein paar schöne Stunden bereiten kann. Das hätte ich noch vor fünf Jahren für kaum möglich gehalten.

Yvonne: Worüber kannst du selber lachen?

Bernd Perplies: Unterschiedlichste Dinge. Ich würde ganz allgemein sagen: Humor, wenn es nicht zu platt ist. Ich bin kein großer Freund von Comedy-Shows, flachen Witzen auf Kosten anderer oder derlei. In Filmen beispielsweise mag ich clevere, spritzige Wortwechsel, wie man sie etwa in älteren Werken von Woody Allen findet oder in der Fernsehserie „The Big Bang Theory“. Aber auch feinsinniger Humor, der ein bisschen Mitdenken erfordert, gefällt mir. Und zu guter Letzt mag ich einfach die Absurditäten des Lebens, also wenn etwas völlig Unerwartetes oder Verrücktes passiert und man gar nicht anderes kann, als darüber zu lachen.

Yvonne: Vervollständige den Satz: Mein Leben ist …

Bernd Perplies: … im Augenblick ganz erstaunlich.

Vielen Dank dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute.